Karmelitinnenkloster Himmelspforten

„So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn.“ – Aus einer Handschrift, die im Jahre 2897 nach Christus in den Archiven des Vatikans entdeckt wurde:In Würzburg (so heißt es dort) lebten zu Anfang des 21. Jahrhunderts fromme und rührige Nonnen im Karmel Himmelspforten. Von ihnen wird folgendes erzählt:

Bischof Friedhelm von Würzburg hatte vor dem Exerzitienhaus auf einem festen Sockel eine Statue des heiligen Bonifatius aufstellen lassen, damit die Deutsche Bischofskonferenz bei ihren Tagungen auch würdig begrüßt würde. Der heilige Bonifatius war allerdings so aufgestellt, dass er dem Karmel den Rücken zeigte. Es kamen Gerüchte auf, dass damit ein Zeichen der Abwendung vom Karmel gesetzt werden sollte. Aber niemand wusste, ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht. Vermutlich nicht.

Da geschahen in jenen Jahren seltsame Dinge. Am Morgen des Montags, den man damals „Rosenmontag“ zu nennen pflegte, sahen die Menschen voller Erstaunen, dass der heilige Bonifatius über Nacht sein Gesicht zum Karmel und seinen Rücken zu den Bischöfen gewendet hatte. Trotz des starken Sockels war die Statue gedreht worden. Nachdem der Würzburger Bischof geholt und ihm dieser sonderbare Vorfall gezeigt worden war, fand niemand eine Erklärung. Alle waren sprachlos. Der Bischof war der erste, der es aussprach: „Ein Wunder.“

Noch erstaunter waren die Würzburger, als am nächsten Tag, den man gemeinhin den „Faschingsdienstag“ nannte, der heilige Bonifatius wieder in die ursprüngliche Richtung schaute. Dieses Wunder wiederholte sich in jedem Jahr bis zum Jahr 2027, weshalb man seit dieser Zeit vom „Würzburger Dreh-Wunder“ spricht. Erst 270 Jahre später fand eine Karmelschwester in den Archiven des Klosters einen mit zittriger Hand geschriebenen Bericht, der etwas Licht in die wundersamen Vorgänge um den heiligen Bonifatius brachte.
Aus diesem Bericht geht hervor, dass die Schwestern des Karmels die Nacht vor dem Rosenmontag nicht etwa mit Beten und Schlafen verbrachten, sondern mit geheimnisvollem Murmeln unverständlicher Worte, das immer lauter wurde. Da sie außerdem am Sonntagnachmittag reichlich starken Kaffee und auch etwas klaren Schnaps getrunken hatten, verwandelte sich die Stimmung der Nonnen auf das Glücklichste, und es geschahen in der Dunkelheit unglaubliche Dinge.

Alle tanzten zunächst. Obwohl es Nacht war, sah man daraufhin Schwester Maria, die fast ein Jahrhundert alt war, auf der Dachrinne der Klosterkirche balancieren und schließlich sogar um den Dachreiter hüpfen. Schwester Immaculata spielte dazu auf ihrer Geige Solosonaten von Johann Sebastian Bach; Schwester Lucia hatte ein vor Freude leuchtendes Gesicht, Schwester Theresa versuchte, das Gewand des heiligen Bonifatius durch eine kunstvolle Stickerei zu verschönern, Schwester Bernadette, genannt „die äußere“, die Pfortenschwester also, öffnete alle Fenster und Türen, damit die Luft und das Lachen dieser ungewöhnlichen Nacht das ganze Haus erfüllten, Schwester Regina war aus dem Inneren der Kirche mit der d-moll Toccata von Bach zu hören, Schwester Johanna servierte anregende Getränke, Schwester Beata führte mit Tüchern einen Drehtanz auf, sang dazu und begleitete sich selbst auf der Gitarre, Schwester Mirjam holte aus der Sakristei eine Albe und versuchte fröhlich, sie dem heiligen Bonifatius anzuziehen, was allerdings misslang, Schwester Anna-Maria bewegte sich wie im Reigen und freute sich, dass alle Schmerzen verflogen waren, Schwester Elija sang ein anständiges Lied der Bläck Föös, Schwester Bernadette, die innere, warf voller Freude ihren Gehstock so hoch und weit in die Luft, dass er in den Main fiel und davonschwamm, Schwester Elisabeth hielt sich ihren Bauch vor Lachen, Schwester Nicole krempelte ihre Ärmel hoch und machte noch ein paar Körperübungen, Mutter Petra sah dem ganzen Treiben still, aber vergnügt zu.

Allmählich versammelten sich alle an der Statue des heiligen Bonifatius, wo die Nonnen in dieser Nacht wunderbare Kräfte entfalteten. Niemand außer den Engeln im Himmel konnte wahrnehmen, wie die Schwestern in die Hände spuckten und mit kräftigem „Eins-zwei-drei-Hauruck, Zicke-Zacke-Zicke-Zacke; Eins-zwei-drei-Hauruck, Zicke-Zacke-Zicke-Zacke“ den heiligen Bonifatius so drehten, dass er, wie es sich gehörte, liebevoll auf den Karmel schaute.

Unerklärlich aber blieb, dass Bonifatius am Morgen des Faschingsdienstags wieder in die ursprüngliche Stellung, nämlich mit dem Rücken zum Karmel gedreht worden war. Die Nonnen selbst konnten es nicht gewesen sein, da sie bis zum Mittagsläuten völlig erschöpft in ihren Zellen schliefen und schon von der Fastenzeit träumten.

Vom Würzburger Drehwunder des heiligen Bonifatius bleibt noch zu erwähnen, dass eine Nonne in dieser Nacht besonders glücklich war: Schwester Bonifatia. Als alle Schwestern schon in den Betten lagen und vollkommene Stille herrschte, blieb Schwester Bonifatia noch lange bei ihrem Namensvetter stehen. Sie schaute ihn an. Niemand weiß genau, was dann geschah, aber es wird erzählt, der heilige Bonifatius sei vom Sockel gestiegen, hätte seine Kapuze zurückgezogen, hätte sich freundlich mit Schwester Bonifatia unterhalten, sich nach ihrem Ergehen erkundigt und sie schließlich höflich zum Tanz aufgefordert. Bonifatia und Bonifatius tanzten so leicht und schön, so zart und zierlich, so träumerisch und tugendhaft, dass die Engel im Himmel anfingen, vor Freude zu schunkeln, mit den Flügeln Beifall klatschten, Alaaf und Helau und Halleluja riefen – und sangen:
„So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn.“

 

Verfasser: Pfr. Ulrich Nölle (stellv. Hausgeistlicher)

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