Karmelitinnenkloster Himmelspforten

Balthasars Bericht – Bevor ich meine Erzählung beginne, möchte ich gleich sagen, dass ich einer bin, mit dem Sie sich vermutlich nicht an einen Tisch setzen würden. Es gibt da ein unseliges Ereignis in meiner Lebensgeschichte, durch welches ich ein Überläufer wurde. Manche würden mich auch Verräter nennen. Falls sie mir jetzt noch zuhören wollen, werde ich beginnen.

Eigentlich war ich Offizier in der römischen Armee. Mein Name ist Fabius Sulla. Ich bin sogar von sehr hoher Abkunft, ein Sohn des Oktavianus Augustus, allerdings unehelich. Niemand wusste von meiner Abstammung. Ich galt als Sohn eines Weinhändlers, den meine Mutter heiratete, nachdem sie aus dem Palast entfernt worden war. Mein Stiefvater hat mich gut behandelt und mir eine Laufbahn beim Militär ermöglicht. Mein echter Vater hat sich bis zu jenem Zeitpunkt nie um mich geschert. Kein Wunder, er hatte Besseres zu tun, nehme ich an.

Nachdem ich Offiziersakademie und meine Lehrjahre in verschiedenen Stäben hinter mich gebracht hatte, ließ ich mich in den Osten versetzen nach Antiochia in Syrien. Dort geschah das Unglück:
Der Legat Vallidus, der mich nie hatte ausstehen können, nannte mich bei einem Gelage – es war schon reichlich Wein geflossen – einen „Bastard“ und meine Mutter eine „gemeine Dirne“. Wie er von meiner unehelichen Herkunft erfahren hatte, ist mir ein Rätsel. Aber damit noch nicht genug: ich sei eine Schande für das Offizierskorps, denn ich hätte aus der Soldkasse 30 000 Sesterzen entwendet, so dass viele Legionäre für den letzten Monat gar keinen Sold erhalten hätten. Das war natürlich böswillige Lüge.
Heißblütig, wie ich war, wollte ich mich sofort auf den Legaten stürzen. Hätten mich meine Kameraden nicht zu fünft zurückgehalten, ich hätte ihn auf der Stelle erstochen. Am nächsten Tag ging ich zum Kommandeur, der mir eigentlich sehr wohl gesonnen war, und bat ihn dafür zu sorgen, dass jener Legat sich bei mir öffentlich entschuldige und die Anschuldigung des Diebstahls zurücknehme. Das lehnte dieser rundweg ab; vermutlich, weil Vallidus äußerst einflussreiche Freunde hatte. Ich wurde sehr zornig und verließ den Raum.

Mir war klar, so konnte ich nicht in der Armee bleiben. In der folgenden Nacht verließ ich die Kaserne und ritt gen Osten. Ich hatte meinen Monatssold bei mir und eine Abschrift der strategischen Planungen für die nächsten beiden Jahre, sowie die genaue Verzeichnung der Stärke der römischen Armee in ganz Syrien. Mein Vorgesetzter hatte mich beauftragt, diese Abschrift für den Statthalter anzufertigen. Ich galt nämlich als zuverlässig.
Einmal in Thapsacus angekommen, ritt ich immer dem Euphrat entlang. Eigentlich seltsam, dass sie mich nicht verfolgten, schließlich war es von höchstem Interesse, dass das strategische Papier nicht in die falschen Hände gelangte. Ich wusste auch gar nicht so genau, was ich wollte. Nur einfach weg von der römischen Armee, der ich mit vollem Einsatz und viel Tapferkeit gedient hatte, die meine Ehre aber nun mit Füßen treten ließ.
Irgendwann verließ ich das römische Gebiet. Hätte ich jemand gehabt, mit dem ich reden konnte, wäre ich wohl bald umgekehrt und hätte Gras über die Sache wachsen lassen. So aber steigerte ich mich immer tiefer in meinen Zorn hinein.

Als ich nach zweiwöchiger Reise schon eine Strecke in das Gebiet der Parther hinein geritten war, umringten mich Soldaten der dortigen Armee, schließlich trug ich römische Offiziersuniform. Ich wurde nach Babylon gebracht. Dort wurde ich verhört und weil ich ganz offen Auskünfte gab und meine kostbare Abschrift bereitwillig aushändigte, bald freigelassen. Es wurde mir ein Posten in der parthischen Armee angeboten. Da ich ablehnte, gab man mir genügend Geld, um damit den Rest meines Lebens bequem verbringen zu können. Meine Informationen waren doch recht nützlich gewesen. Ich hatte es eigentlich nicht geplant ein Verräter zu werden, aber es hatte sich so ergeben. Meine Rache hatte ich nun gehabt und bald plagte mich das Gewissen. Auch hatte ich Heimweh nach der römischen Lebensart und meinen Kameraden. Im Letzten wurde ich von den Parthern auch gemieden, war ich doch als Verräter für alle ein ehrloser Mann.

Damals änderte ich meinen Namen: Balthasar ben Agag wählte ich mir. Auf diese Weise hoffte ich, meine römische Herkunft zu verschleiern.
Ferner verlegte mich auf die Beobachtung der Sterne. Mein vertanes Leben, konnte ich für einige Zeit vergessen, wenn ich ihre anmutigen und unerschütterlichen Bahnen betrachtete. Unter den Astronomen fand ich dann auch zwei Freunde, die mich nicht abschätzig anblickten. Melchior, ein nachgeborener Sohn des Partherkönigs und Caspar der jüngste Sohn eines indischen Großfürsten. Ich hatte ihnen meine Geschichte erzählt und sie hatten verständnisvoll genickt und mir die Hand gereicht. Seither war mir meine selbst gewählte Verbannung im Land der Parther nicht mehr so schwer.

So lebte ich einige Jahre nicht gerade zufrieden aber immerhin nicht verbittert, als eines Nachts Melchior einen neuen, unerhört strahlenden Stern am Himmel entdeckte. Er kannte sich in den Weissagungen der Völker gut aus und erklärte uns schon am nächsten Tag, dass dieser Stern die Geburt des verheißenen Königs der Juden anzeigte, welcher der ganzen Welt Frieden bringen würde. Er zitierte uns eine entsprechende Weissagung aus dem heiligen Schriften der Juden: „... Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude... Jeder Stiefel, der dröhnend daher stampft, und jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens...“ (vgl. Jesaja 9 1-5).
Ich fand die Beobachtung von Sternen zwar interessant, aber ich hatte meine Zweifel ob ein Stern ein innerweltliches Ereignis anzeigen könnte – waren das doch gewissermaßen zwei getrennte unabhängige Welten. An einen Friedenskönig für die ganze Welt glaubte ich ohnehin nicht, dazu war ich zu sehr römischer Realist und hatte lange genug in der Armee gedient. Frieden gab es nur als Folge von Krieg und Unterdrückung, bis diese wieder einen neuen Krieg heraufbeschwor. Soviel hatte ich in meiner Zeit bei der Armee gelernt.

Widerwillig blickte ich nach diesem neuen Stern. In meinem Herzen flammte augenblicklich die alte unbändige Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung wieder mächtig auf. Ich musste mich abwenden, weil ich spürte, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Meine Freunde verhielten sich diskret und taten, als ob sie nichts merkten.
Ich wurde jetzt richtig zornig auf diesen Stern. Jahrelang hatte ich mich bemüht, jene Sehnsucht aus meinem Herzen zu verbannen und so zu lernen, mit meinem gescheiterten Leben zufrieden zu sein, und jetzt fing alles wieder von vorne an. Während meine Freunde sich abwechselnd in alte Sternkarten und die Weissagungen der Juden vertieften, hielt ich mich abseits und versuchte, meinen abgeklärten Gleichmut wieder zu finden. Ich ging früh nach Hause und beschloss vorerst, die Häuser meiner Freunde zu meiden.

Nichts desto trotz war ich am nächsten Abend wieder bei ihnen. Sie empfingen mich hocherfreut und teilten mir mit, dass sie in 2 Tagen abreisen würden, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Ich traute kaum meinen Ohren. Auf das Erscheinen irgendeines glänzenden Punktes am Himmel wollten meine beiden doch nicht mehr ganz jungen Freunde eine lange Reise ins Ungewisse auf sich nehmen – gewissermaßen auf Verdacht hin, dass da irgendwo ein neugeborener König sei.
- „Könige gibt es genug, meiner Meinung nach zu viele. Ich verstehe nicht, warum man, um einen zu sehen, in ein fremdes Land reisen muss!“
- „Dieser ist ein besonderer König, denn er bringt den Frieden. Er ist von besonderer Art, denn ein mächtiger Stern kündet von seiner Geburt.“
- „Die Könige dieser Welt sind alle gleich, sie unterdrücken ihre Völker und leben üppig vom Ertrag ihrer Ausbeutung. Das war schon immer so und wird immer so bleiben.“
- „Vielleicht weist aber der Stern darauf hin, dass eine neue, bessere Zeit anbricht.“
- „Warum sollten die Menschen sich bessern? Selbst wenn sie es wollten, sie könnten es nicht.“
- „Du magst sagen, was du willst, wir werden aufbrechen, um diesem König zu huldigen. Denn mit diesem Stern ist unsere Hoffnung auf die Erfüllung jener alten Verheißung eines wahren Friedenskönig aufgegangen. – Eigentlich dachten wir, du würdest mit uns kommen, denn du bist unser Freund, und ferner bedürfen wir deiner Erfahrung und Ortskundigkeit auf der Reise und im römisch besetzten Land der Juden.“
Ich hatte gewiss nicht vorgehabt, mit ihnen zu reisen, denn die Unternehmung schien mir ziemlich verrückt, aber mir wurde bewusst, dass ich jetzt einmal die Möglichkeit hatte, meinen Freunden die mir erwiesene Güte ein wenig zu vergelten. Außerdem, wie sollte ich es ohne sie in Babylon aushalten?
- „Gut ich reise mit, aber mit eurem Sternenkönig lasst mich in Frieden!“
Sie nickten sich fröhlich zu und versprachen es.

Die Reise versetzte mich in ein Hochgefühl. War es die Leitung der Karawane, die mich an mein früheres Offiziersdasein erinnerte oder, dass ich mich dem römischen Reich näherte? Ich glaube, es war nichts von alledem. Es war der Stern. Wenn ich mich unbeobachtet fühlte, schaute ich nach dem Stern. Nachts stand ich lange vor meinem Zelt und blickte zu ihm hin. Ob nicht alle Generationen und Kulturen immer schon auf so einen Stern gewartet hatten, dessen Aufleuchten den Beginn einer neuen besseren Zeit verhieß? Und gerade mir, dem moralischen Versager sollte die Erfüllung dieser Sehnsucht widerfahren? Wie hatten meine Freunde gesagt: mit dem Stern ist ihre Hoffnung aufgeleuchtet? – Vielleicht gibt es also doch einen König, der Frieden bringt! Auch in meinem Herzen. Ich hörte auf, mich gegen diese Hoffnung zu wehren, auch wenn ich wusste, dass ich es nicht verwinden würde, wenn meine Hoffung enttäuscht würde.
Die ersten Schwierigkeiten begannen an den Zollgrenzen. Natürlich wollte man wissen, was der Sinn unserer Reise war. Die Aussage meiner Freunde, dass sie dem Stern folgten, um so zu dem neugeborenen König der Juden zu gelangen, hielt man für einen schlechten Witz. Wir mussten hohe Zollgebühren bezahlen, da man uns des Schmuggels verdächtigte. In den Karawansereien interessierte man sich ebenfalls für Ziel und Zweck der Reise. Ich hatte meine Freunde gebeten, doch irgend etwas Alltägliches anzugeben. Sie hatten entrüstet abgelehnt, sie müssten die Wahrheit sagen, seien sie doch gewissermaßen die Herolde des neuen Königs. Das konnte ja heiter werden! Auslachen ließ ich mich eigentlich nicht gerne, aber ich musste bei meinen Freunden bleiben. Mit der Zeit nach vielen seltsamen, abschätzigen Blicken, frechem Gelächter und ähnlichem wurden auch die tapferen Herolde etwas vorsichtiger. Ich sollte in Zukunft etwas vage von Höflichkeitsbesuch bei einem wichtigen Herrscher reden. So waren wir bis nach Antiochia gelangt. Mein Herz schlug höher als ich an der dortigen Kaserne vorbei ritt. Ich musste mich zusammennehmen, um nicht in ihren Hof zu galoppieren und zu fragen ob der alte Marcus Lentullus immer noch das Kommando hatte. Das wäre mir allerdings schlecht bekommen. Die römische Armee hat in Sachen Verräter ein gutes Gedächtnis. – Seltsam, alle Bitterkeit über das mir zugefügte Unrecht war wie ausgelöscht. Ich hatte nur noch Heimweh nach meinem Vaterland, meinen früheren Kameraden und meinen Eltern. - - -

Melchior und Caspar waren sich einig, dass man beim Proconsul vorsprechen müsste – einerseits um ihm auf den Zahn zu fühlen betreffs des neuen Königs und andererseits aus Höflichkeit – schließlich war man nicht irgendwer sondern von ziemlich vornehmer Abkunft. Unsere Karawane war dementsprechend ausgestattet. Wir waren ungefähr 70 Mann, 50 davon unter Waffen. Fast eine halbe Kohorte. Da ich mir glücklicherweise in den letzten Jahren einen Bart nach persischer Manier hatte wachsen lassen, fürchtete ich mich auch in keiner Weise erkannt zu werden. Meine Erscheinung war durch und durch die eines babylonischen Edlen.
Wir begaben uns also mit angemessener Vorhut von 20 Mann und normaler Prachtentfaltung zum Palast des Proconsuls. Dieser empfing uns auch sofort. (Das römische Reich hatte größtes Interesse an guten Beziehungen zu den Parthern.) Ich stutzte, der amtierende Proconsul war jener Legat, der mich verdächtig und so bösartig beschimpft hatte. Seltsam ich fühlte keinen Hass in mir, eher Mitleid, denn er war ungemein gealtert und wirkte krank.
Ich agierte als Übersetzer und bemühte mich redlich, in mein Latein einen orientalischen Akzent zu mischen.
- „Wir entbieten dem erlauchten Statthalter unsere besten Wünsche! Möge er sich wohl befinden und mit Erfolg seine große Aufgabe meistern.“
- „Ich grüße die erlauchte Delegation aus dem Partherreich und bitte sie, meine Gäste zu sein.“
- „Wir beabsichtigen heute weiter zu reisen, danken aber für das großzügige Angebot der Gastfreundschaft.“
- „Welches ist der Grund für solche Eile?“
- „Wir wollen einem neugeborenen König huldigen.“
- „Einem neugeborenen König“, fragte der Statthalter von seinem mit Samt gepolsterten Stuhl aufspringend.
- „Ja, wir haben seine Stern aufgehen sehen“, erwiderten Caspar und Melchior nickend.
Der Statthalter zögerte einen Augenblick, blickte meine Freunde und mich durchdringend an und entschied dann, dass wir harmlose Verrückte seien, vermutlich mit zu viel Geld, die sich mit nichts Besserem die Zeit zu vertreiben wussten, als einem Stern nachzurennen.
- „Dann möchte ich euch nicht länger aufhalten.“
Damit war die Audienz beendet. Wir nickten uns vergnügt zu, schließlich hatten wir in Erfahrung gebracht, dass er nichts von einem neugeborenen König wusste und uns darüber hinaus erlaubt, weiter zu suchen. Was wollten wir mehr. Wir ritten also Richtung Jerusalem. Dort müsste der neugeborene König der Juden zu finden sein oder doch wenigstens nähere Kunde von ihm.

Meine Freunde waren inzwischen einigermaßen erschöpft von der langen Reise. Gewiss waren sie in ihrer Jugend schneidige Reiter gewesen, aber nun waren sie schon längst über die Mitte ihres Lebens hinaus und hatten bereits über 1000 Kilometer beschwerlichen Weg hinter sich. Dennoch beeilten sie sich, nach Jerusalem zu gelangen.
Dort erwartete uns erst einmal eine Enttäuschung: Niemand wusste von einem neugeborenen König. Es interessierte sich auch niemand wirklich dafür. Unsere Nachfrage traf geradezu auf Ablehnung. Schließlich wurden wir von Herodes empfangen – aufgrund seiner Krankheit war das eine Besonderheit. Dort wurden wir geradezu verhört, was wir von diesem neuen König wüssten. Da unsere Angaben etwas vage waren, beruhigte sich der König wieder ein wenig. Er ließ Schriftgelehrte der Juden kommen und befragte sie über diesen König. Es kam nicht viel dabei heraus, nur einer nannte Betlehem als prophezeiten Geburtsort.
Herodes entließ uns mit den Worten:
- „Geht und forscht sorgfältig nach, wenn ihr ihn gefunden habt, will auch ich hingehen und ihm huldigen.“
Mich schauderte bei diesen Worten. Nein, geheuer war mir dieser Mann nicht! Wir waren froh, dem Tyrannen entronnen zu sein und machten uns auf den Weg nach Betlehem. Als es dämmerte sahen wir unsere Sternenkonjunktion. Sie strahlte so hell wie noch nie. Die letzten Tage hatten wir sie kaum noch wahrnehmen können. Als wir sie sahen, freuten wir uns übermäßig. Caspar und Melchior fielen sich um den Hals und ich warf im Überschwang meiner Gefühle die Arme in die Höhe. Ich hätte die ganze Welt samt Vallidus und Augustus umarmen können. Aber auch die Kameltreiber führten einen Freudentanz auf. Unsere Schutztruppe grüßte den Stern mit erhobenen Speeren wie einen König und jubelte. Die ganze Karawane war aus dem Häuschen. Den Rest des Weges legten wir in scharfem Trab zurück. Vor den Toren von Betlehem waren wir einige Augenblicke ratlos. Da schritt ein Mann aus dem Tor – seiner Kleidung nach, ein Hirte. Ich fragte ihn, ob er uns zu dem neugeborenen König der Juden führen könnte. Er blickte uns an und zögerte. Melchior bat mich, dem Hirten zu sagen, dass wir in freundlicher Absicht kämen und dem König huldigen wollten. Das Gesicht des Mannes hellte sich auf, und er führte uns über Felder an den Abhang eines Hügels. Dort befand sich eine Höhle. Sie wirkte wie ein Unterschlupf für Tiere.
- „Da wohnt der neugeborene König der Juden.“ Sprach´s und ging seines Weges.
Wir waren sehr verunsichert. Hatten wir eine Kostprobe jüdischen Humors erhalten, oder was sollte das nun heißen? Gut, der König musste nicht zwingend in einem Palast geboren werden. Aber so ein Erdloch passte nicht so ganz in unsere Vorstellung.

Caspar stieg als erster ab und trat behutsam in die Höhle. Ich sah wie er auf die Knie fiel. Melchior folgte ihm und warf sich ebenfalls auf die Knie.
Nein, dachte ich mir, das ist zu viel verlangt, da kann ich nicht mit. Ich beschloss mir irgendwo einen bequemen Lagerplatz zu suchen. Einfach schlafen, war mein Gedanke und den ganzen Irrsinn vergessen. Aber, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, stieg auch ich ab und betrat die Höhle.
Auf der linken Seite befanden sich einige Nutztiere, es handelte sich also tatsächlich um einen Stall. In der Mitte der Höhle saß eine einfach gekleidete junge Frau mit einem neugeborenen Kind auf dem Schoß. Ich hätte die zwei immerzu nur anschauen mögen. Ein junger ebenfalls schlicht gekleideter Mann trat aus dem Hintergrund der Höhle und stellte sich schützend neben Mutter und Kind. Während ich also diese eher ärmliche Szene betrachtete, wurde vor meinem geistigen Auge so etwas wie ein Schleier einen Augenblick lang gelüftet. Ich begriff: dieses Kind stammt von oben. Im gleichen Moment fiel ich, ebenso wie meine Freunde, auf die Knie und huldigte dem Kind. Ich fühlte in meinem Herzen unendlichen Frieden. Ja, dieser König würde wirklich den Frieden bringen. Aber ganz anders als wir es erwarten. Ich denke, es war der wichtigste Augenblick in meinem Leben. Irgendwie wusste ich von da an, dass das menschliche Leben doch einen letzten bleibenden Sinn hat.

Wir brachten dem Kind unsere Geschenke dar und bereiteten uns dann in der Nähe der Grotte ein Nachtlager. Ich träumte in dieser Nacht, dass Herodes dem Kind nach dem Leben trachtete. Am nächsten Tag erzählte ich es meinen Freunden und auch dem Mann, der für Mutter und Kind sorgte. Er hieß Josef. Er war auch recht unruhig und hielt es für das Beste, schnellstmöglich das Land zu verlassen, Richtung Ägypten. Die Mutter des Kindes werde ich nie vergessen. Sie hatte irgend etwas Klares an sich, das man nicht in Worte fassen konnte. So trennten sich unsere Wege bereits am nächsten Tag. Wir huldigten noch einmal dem neugeborenen König und ritten dann, einen weiten Bogen um Jerusalem machend, nach Palmyra.

Ich war ungewiss, wie es nun in meinem Leben weiter gehen sollte. Was war nun meine Aufgabe? Schließlich trennte ich mich von meinen Freunden, denn ich wollte zurück nach Rom. Ich musste nach meinen Eltern sehen und ich hatte irgendwie den Gedanken, ich müsste Augustus von dem neu geborenen König berichten.
Der Abschied von meinen Freunden fiel mir sehr schwer, sie waren meine zweite Heimat geworden, und schließlich hatte ich gemeinsam mit ihnen den König des Friedens gefunden. Aber wir spürten, dass jeder von uns nun eine eigene Aufgabe hatte.

Die Reise nach Rom verlief einigermaßen glatt. In Rom angekommen, begab ich mich sofort in das Haus meiner Eltern. Ich hatte ihnen jedes Jahr eine Nachricht zukommen lassen, dass ich am Leben sei, jedoch ohne Ortsangabe. Die Wiedersehensfreude war ungeheuer. Doch ich hatte nicht lange Ruhe, unser Familienglück zu genießen. Es drängte mich, zu versuchen eine Audienz bei Kaiser Augustus zu erlangen. Das war fast unmöglich, schließlich war ich ein unbedeutender Mensch, und sofern ich in höheren Kreisen bekannt war, kannte man mich als Verräter. Alles keine guten Omen für eine Einzelaudienz. Ich wollte bereits aufgeben, da bot meine Mutter an dem Kaiser einen Brief zu schreiben. Ich weiß, dass sie das ungeheuer viel kostete. Aber als Mutter war sie bereit, es für mich zu tun. Und siehe da, eine Woche später hatte ich meine Audienz. -
Ich wurde in einen mittelgroßen Raum geführt. Der Kaiser saß allein hinter seinem Schreibtisch und blickte mich an. Er nickte mir zu, näher zu kommen. Ich grüßte und wartete darauf angesprochen zu werden.
- „Dein Anliegen?“ nahm mein Gegenüber etwas barsch das Gespräch auf.
- „In Babylon habe ich mit Astronomen einen außergewöhnlichen Stern aufgehen sehen, dessen Botschaft die Geburt eines neuen Königs ist. Nicht irgendeines Königs, sondern jenes Königs, der endgültig den Völker den Frieden bringt.“
- „Du meinst die ‚Pax romana’, den römischen Frieden.“
- „Nein, mein Kaiser, den wahren Frieden, den das römische Reich nicht geben kann.“ Ich sah, wie sich Zornfalten auf seiner Stirn bildeten, fuhr aber dennoch fort.
- „Mit den befreundeten Astronomen bin ich dem Stern gefolgt und wir haben den König in Judäa gefunden.“
- „Ein Sohn des Herodes, dieser Schlange?“
- „Nein, kein Sohn eines regierenden Königs, aber der wahre König des Friedens.“
- „Worauf willst du hinaus, warf der Kaiser ungeduldig ein.“
- „Ich fühle mich verpflichtet euch zu sagen, dass diesem König die Herrschaft über die Völker zu steht und je eher er sie erlangt, desto besser für alle. Denn er allein kann den Völkern Heil und Frieden bringen.“
- „Du musst den Verstand verloren haben. Hinaus!!!“
Ich ging sehr betrübt weg. Ich hatte vollkommen versagt. Ich hätte meinem Vater so gerne von der lange Reise nach Betlehem erzählt mit all meinen Gedanken und jener ungeheuren Erfahrung des Friedens als ich vor dem Neugeborenen kniete. -

Zwei Tage später kam ein Tribun ins Haus meiner Eltern mit einer Botschaft des Kaisers: An diesem Nachmittag soll ich wieder beim Kaiser vorsprechen.
Diesmal erwartete er mich in seinen Privatgemächern. Er lud mich ein, mich zu setzen und forderte mich auf, die ganze Geschichte mit dem Stern ausführlich zu erzählen, und ferner zu erklären, wie ich eigentlich nach Babylon gekommen sei.
Ich erzählte ihm alles so gut es mir möglich war. Als ich berichtete, dass ich vor dem Kind niederkniete und ihm huldigte, machte er ein abweisendes Gesicht, aber irgendwie berührte es ihn auch, als ich jenen unbegreiflichen Frieden beschrieb, der damals mein Herz durchflutete und von der Ahnung sprach, dass jedes menschliche Leben von diesem Kind mit letzten Sinn beschenkt würde.
- „Du bist ein seltsamer junger Mann. Nicht geeignet ein Herrscher zu sein.“ Es schwang ein gewisses Bedauern in seiner Stimme.
- „Aber um diese Erfahrung des Friedens beneide ich dich. -- Warum erzählst du mir eigentlich diese Geschichte? Soll ich meine Macht diesem König in der Höhle zu Füßen legen oder was erwartest du von mir?“
- „Nein, ich glaube nicht, dass sein Reich auf irdische Macht gegründet ist. Es ist eher ein Reich in den Herzen, denen er Frieden bringt wie dem meinen. Ich denke, es besteht die Gefahr, dass dieser Friedenskönig in Konflikt mit dem römischen Staat gerät. Eben weil sein Reich von anderer Art ist, wird ihn vielleicht niemand verstehen, und man wird ihm Anmaßung der Königswürde vorwerfen. Ihr müsst einfach dafür sorgen, dass diesem König nichts geschieht.“
- „Du bist sehr kühn. Verlass mich jetzt! Du wirst von mir hören.“
Ich grüßte und ging.

Zwei Tage später erhielt ich einen Brief von meinem Vater. Ich glaube, er hat ihn mit eigener Hand geschrieben.
„Mein Sohn, ich nenne dich so nicht ohne einen gewissen Stolz. Ich danke dir für dein Kommen. Manches an deiner Erzählung verstehe ich nicht ganz, aber irgendwo ist da nun in meinem Herzen die große Hoffnung, dass einer gekommen ist, der alles zum Guten führen wird. Das ist für mich nicht wenig. Als Kaiser, der seit vielen Jahren eine ungeheure Machtfülle besitzt, weiß ich dass menschliche Herrschaft im letzten immer mit viel Unrecht verbunden ist. Ein anderer wird für endgültiges Recht sorgen müssen. Vielleicht ist dein Friedenskönig jener andere. Ich werde nach seinem Erscheinen Ausschau halten und versuchen, ihn nach Kräften zu schützen. Auch meinem Erben werde ich entsprechende Anweisungen geben.
Wir dürfen uns nie wieder sehen. Alle, die sich Chancen auf den Thron ausrechnen, fürchten, du könntest mein Nachfolger werden und trachten dir daher nach dem Leben. Verlass Rom noch heute. Dein Friedenskönig möge dich schützen. Gedenke meiner und leb wohl.
Kaiser Oktavianus Augustus, der als dein Vater versagt hat.“

Ich folgte dem Rat und schiffte mich sofort nach Antiochia ein. Dort angekommen, versuchte ich, sofort unterzutauchen. Nachdem ich mehrmals meine äußere Erscheinung gewechselt und die Richtung meiner Reise geändert hatte, fühlte ich mich sicher genug, auf geheimen Wegen nach Babylon zu reisen. Meine Freunde empfingen mich mit herzlicher Freude. Auch sie hatten versucht den König der Parther von der Ankunft des wahren Friedenskönigs zu unterrichten. Sie waren auf gänzliche Ablehnung gestoßen. - - -

Die folgenden Jahre reisten wir ungefähr im Dreijahresrhythmus gemeinsam nach Jerusalem, nach außen hin, um mit Weihrauch und indischem Balsam zu handeln, aber der eigentliche Grund war nachzuforschen ob das Reich jenes Friedenskönig schon errichtet sei. - - -

Meine beiden Freunde sind nun schon viele Jahre tot. Sie starben in Frieden, auch wenn sie die Ausbreitung jenes neuen Friedensreiches nicht mehr sehen durften. Ich hoffe immer noch, den Beginn jenes seit Menschengedenken ersehnten Reiches schauen zu dürfen. Dieses Jahr sind es bereits 33 Jahre, seit wir den Stern zum ersten Mal sahen. Die Reise ist mir nun auch schon beschwerlich, aber dieses Jahr werde ich gewiss noch einmal hinaufziehen.
Mancher Zweifel hat mich schon heimgesucht. Sind wir damals Opfer einer Täuschung geworden, als wir uns in der Höhle niederknieten. Aber wenn ich dann die Reise und die Szene der Anbetung vor meinem inneren Auge wieder lebendig werden lasse, weiß ich gewiss, wir sind damals jener letzten Wirklichkeit begegnet, nach der alle Ausschau halten. - - -

Ein weiterer Gedanke ist mir aufgegangen während meines Nachdenkens über unsere Huldigung vor jenem Kind. Was wir damals vollzogen haben, war nicht nur ein persönlicher Akt, es war ein Hinweis für die kommenden Zeiten. Wenn die Mächtigen dieser Welt unserem Beispiel folgen werden und jenem König huldigen, wird ihre Herrschaft Bestand haben und sie werden zu Wohl ihrer Untertanen regieren, wenn sie aber die Anbetung verweigern, kann ihr Reich keinen Bestand haben und sie können nichts Gutes wirken, weil sie sich gegen die Wirklichkeit sträuben.
Ich selber hoffe, fähig zu sein, das neue Reich zu erkennen, wenn es mir begegnet, denn es wird ebenso wenig unseren menschlichen Erwartungen entsprechen, wie die Stallhöhle als Geburtsort für den großen König...
(Hier endet der Bericht des Balthasar)

Fabius Sulla durfte die Anfänge dieses Reiches, welches nicht von dieser Welt ist, noch sehen. Er wurde um das Jahr 37 n. Chr. in Antiochia in Syrien getauft und schloss sich der dortigen Gemeinde an.

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